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Am 30. April 1996
fuhr ich an die Strecke Grunow-Peitz.
Von mehreren
Seiten hatte ich den Tip bekommen, daß
im Betriebsbahnhof Tauer ein schönes
Stellwerk stehen soll. Da wollte ich an
diesen Tag hin. Sowohl mit als auch ohne
PKW ist dieser Bahnhof aber schwer zu
erreichen, da er mitten ,,in der Pampa"
liegt. Ich schreckte aber nicht vor dem
14km Fußmarsch von Peitz nach Jamlitz
zurück, denn dazwischen liegt der
genannte Bahnhof. In Peitz angekommen,
fragte ich gleich beim Fahrdienstleiter
nach Güterzügen. Der meinte, daß gleich
die Übergabe nach Weichensdorf kommen
soll. Also schnell ein Foto mit dem
Stellwerk und ab gings.

Etwa auf
halben Wege überholte mich eine 232er Lz.
In wem keimt da nicht die Hoffnung, daß
die Lok einen Zug holt? Die endlose
Gerade durch den Wald wollte kein Ende
nehmen, das Einfahrsignal war schon zu
sehen, aber noch drei Kilometer entfernt.
Als ich die Kurve kurz vorm Bahnhof
erreichte, stand auf dem Überholgleis (der
Bahnhof Tauer besitzt nur zwei Gleise)
jene 232 mit einer langen Leine ,,Emil-Antons".
Puls- und Herzschlag schnellten in die
Höhe, Schweiß lief auf die Stirn, die
Hände begannen zu zittern - nein,
so schlimm war es nicht, aber bei dem
Zugangebot freut man sich über jeden
außerplanmäßigen Güterzug. Ein Blick auf
die Uhr sagte mir, daß wahrheinlich erst
der Triebwagen aus Cottbus kommen wird.
Also schnell
eine Standaufnahme und dann zur Ausfahrt
nach Grunow. Das Stellwerk war wirklich
spitze, nur stand es leider auf der ,,falschen"
Seite. So nahm ich mir die Schranke als
Motiv. Kaum hatte ich mich hingestellt
ging das Fenster auf: ,,Der Güterzug
fährt aber in die andere Richtung!" - ,,Triebwagen
- ja, der kommt gleich und der Nahgüter
kommt auch noch!" - ,,Gut, danke!".
Kaum war der
Triebwagen durch, geht das Fenster
wieder auf: ,,Willst du den Güterzug
auch noch haben?" - ,,Na, wenn ich es
schaffe wäre es Super" - ,,Ich laß ihn
noch ein bißchen stehen!" -,,Fünf
Minuten reichen". Also renne ich schnell
am Zug vorbei und stelle mich an die
Ausfahrt. Und da fährt er auch schon los.
Der Rangierer hängt sich aus dem Fenster
und ruft - ,,Schick mal ein Bild, ist
der letzte". Langsam laufe ich zum
Stellwerk zurück und bedanke mich. Der
Hund steht im Fenster und knurrt mich
an. Frauchen beruhigt ihm aber und sagt:
,,Der tut dir doch nichts!". Nach dem
wir noch ein paar Worte gewechselt haben,
laufe ich weiter. Übrigens Glück gehabt,
die Güterwagen haben 3 Jahre lang im
Anschluß gestanden - heute wurden sie
abgeholt. Einen Monat später am letzten
Betriebstag wollen wir nochmal dorthin,
diesmal zu zweit und mit Auto. Der
Bahnhof ist sogar in der Karte
eingezeichnet und auch eine kleine
Straße, die dahin führt. Aber wo geht
die ab?

Wir sehen
eine PfIasterstraße, können aber nicht
mehr bremsen. Also wenden und langsam
ran! Diese entpuppt sich als
Holperstraße der übelsten Sorte. Man muß
aufpassen, daß man nicht aufsetzt.
Größere Löcher sind mit Schwellen
ausgebessert. Wenige hundert Meter vor
der Strecke endet die Straße in einer
Sandwüste.
Es hat
keinen Zweck - wir müssen umdrehen. Also
den nächsten Weg rein. Der ist zwar
nicht gepflastert, aber besser befahrbar.
Am Stacheldrahtzaun halten wir an. Der
ist zwar eingerissen und der Weg frei,
aber was nun? Wir probieren es. Mitten
durch die Kaserne kommen wir etwas
südlich vom Bahnhof an die Strecke.
Die
Stellwerkerin erkennt mich sofort wieder.
Während der halben Stunde, bis der Zug
kommt, unterhalten wir uns. Heute ist
ihr letzter Arbeitstag, berichtet sie.
Ab Fahrplanwechsel wird das Stellwerk
nicht mehr besetzt. Die Bahn hat ihr
angeboten in Jamlitz zu arbeiten. Aber
sie wollte nicht mehr. Noch anderthalb
Jahre bis zur Rente - da kann man in den
Vorruhestand gehen. Deswegen mußte sie
nach Frankfurt, um alles zu klären. Aber
dort wurde sie von einem Zimmer zum
anderen geschickt - und alle redeten nur
vom Geld, wieviel Abfindung sie bekommt
und so weiter. Erniedriegend. Und dann
fängt sie an, auf die
Gesellschaft zu schimpfen und fordert
die Mauer zurück - 10 Meter hoch. Auch
gegen die Ausländer ist sie. Früher war
sie VMT - Verantwortliche für
Militärtransporte und daher kann sie
perfekt Russisch. Und wenn irgendwelche
jungen Russen Sprüche loslassen, quarkt
sie die schon mal an. Eine Pistole hat
sie auch. Neulich war sie in Polen. Da
haben ihr an der Tankstelle zwei Polen
die Scheibe geputzt und wollten Geld
dalür. Als sie keines gab, wollten die
Polen einen Spiegel abbrechen und
meinten, der koste 50 DM. Da zog sie die
Pistole, die im Handschuhfach liegt und
weg waren sie.
Nebenbei
versucht ihr Hund immer, in meinen Schuh
zu beißen. Jaja meint sie, auf Schuhe
steht er besonders. Zur Arbeit kommt sie
immer mit ihren Trabi, der schon seit
mehreren Jahren nicht mehr angemeldet
ist. Aber da sie nur durch den Wald
fährt und nicht weit weg wohnt, merkt
das ja keiner. Rundherum war früher hier
alles Truppenübungsplatz. ,,Da haben die
Russen immer Krieg gespielt". Zahlreiche
Militärzüge wurden auf dem Anschlußgleis
entladen. Deswegen war sie auch VMT. An
ihren letzten Arbeitstag hat sie sich
schick gemacht. Die Sachen sind schon
alle gepackt. Den letzten Zug will sie
anhalten und ein Autogramm geben lassen.
Morgen muß sie auch noch zwei Stunden
kommen, denn da kommen noch zwei
Sonderzüge. Ihr Arbeitsvertrag läuft
noch bis zum 1.8. Aber sie muß noch den
ganzen Jahresurlaub nehmen - plus
Resturlaub vom letzten Jahr. Hinzu kommt
eine saftige Abfindung und 3
Monatsgehalte. ,,Bloß raus aus dem Laden
- das macht doch keinen Spaß mehr!"
Und wie alle
Bahnmitarbeiter schimpft sie auch auf
die Bahn. Langsam kommt die Zeit und der
Triebwagen wird vorgemeldet. So schnell
zum Standpunkt. Damit der Zug nicht so
schnell kommt, fragen wir sie, ob sie
ihn etwas ,,stutzen" kann - kein
Problem.
Danach
verabschiedeten wir uns und wünschen ihr
alles Gute. Sie gibt uns noch ein Tip,
wie wir besser zurück kommen - nämlich
über Jamlitz. Der Waldweg ist besser,
man kann mit 80 durchheizen. Am nächsten
Tag fahren die beiden Sonderzüge. 528177
mit Fotogüterzug und 032204 mit VLV -Sonderzug.
Und so
werden die Erlebnisse noch lange
erhalten bleiben vom Bahnhof mitten im
Übungsplatz.
© Michael Scheppan 1996 |