Die Salami ist wieder ein Stück kürzer

Nach dem bereits am 1.10.1962 der Personenverkehr und 31.01.1963 der durchgehende Güterverkehr auf der Teilstrecke Belzig-Treuenbrietzen der am 25.03.1904 eröffneten Brandenburgischen Städtebahn (Treuenbrietzen-Belzig-Brandenburg-Rathenow-Neustadt) eingestellt wurde, folgte mit Ablauf des 30.11.2000 das zweite Teilstück zwischen Belzig und Brandenburg. Der Grund: die Temnitz-Brücke in Golzow, die ab dem 1.12.2000 nicht mehr betriebssicher ist. Das stellte ein Gleismeßzug Mitte November 2000 fest. Die Folge war auf den Plakaten wie folgt zu lesen: "Werte Fahrgäste, ab dem 1.12.200 muß aufgrund technischer Mängel Schienenersatzverkehr auf der Strecke Belzig-Brandenburg eingerichtet werden."

Eigentlich hatte die DB Regio AG 1996 eine Ausschreibung der Regionalbahnstrecken in Brandenburg gewonnen, die auch die bis dato noch betriebene Brandenburgische Städtebahn beinhaltete. Der Verkehr wurde schließlich bis mindestens 2002 bestellt. Ebenfalls sollten 30 neue Triebwagen vom Typ GTW 2/6 dafür beschafft werden. Bis Ende 2000 war dies auch nur zum Teil geschehen, so daß selbst das Prestigeobjekt "Prignitz-Express" nur teilweise in den Genuß neuer Triebwagen kam. Im Gegensatz zur o.g. Meinung im offiziellen Aushang wurde bahnintern auch von einer generellen Abbestellung gesprochen. Wie dem auch war, die Situation Ende November 2000 stellte sich wie folgt dar: normalerweise pendelte ein Solo-LVT zwischen Brandenburg und Belzig mit teilweise -3 Minutenanschlüssen in Belzig. Zum letzten Betriebstag wollten die Belziger Eisenbahnfreunde ab Mittag nochmal mit ihrer 202 einen lokbespannten Zug auf die Strecke schicken. Jedoch konnte man sich nicht mit der DB AG einigen und die Pläne zerschlugen sich.

BRB-5.jpg (1012262 Byte) Sollte etwa kein Aufsehen erregt werden? Das örtliche Personal war entsprechend verunsichert, so daß ein schmücken der pendelnden LVT erst nach Einbruch der Dunkelheit für die letzten zwei Fahrten nach Brandenburg zugelassen wurde.
"30.11.2000
letzter Plantag
Big-Bn" stand nun an den beiden Stirnseiten des 772 413. Der 772 143, der eigentliche "Stammtriebwagen" der letzten Wochen wollte nicht mehr so richtig und mußte im Stumpffortsetzungsgleis des Bahnsteigs 6 in Brandenburg abgestellt werden.

 

 

 

 

Mit der RegionalBahn 39157 sollte der Leichtverbrennungstriebwagen (LVT) 772 413 die Geschichte eines weiteren Streckenstücks der Brandenburgischen Städtebahn beenden. Nach der Ankunft des Triebwagens aus Belzig versuchte nochmals der Lokführer den 772 143 wieder "flottzubekommen" und ihn mit auf die "Letzte Fahrt" Richtung Belzig zu nehmen. Jedoch vergebens, diese Aufgabe war dem 143iger zu schwer. Seine Bremse wollte er partout nicht lösen. So mußte die der 413ner solo nach Belzig fahren. Wegen der "Wiederbelebungsversuche" verspätete sich die Abfahrt um wenige Minuten. Aber das störte die 12 Abschiedsfahrgäste, mehrheitlich Vertreter der Belziger Eisenbahnfreunde, wenig. Kurz nach 23 Uhr dann Hp1 und "Abfahrt" nach Belzig.

Die meisten Abschiedsfahrgäste verdrängten ihren Unmut mit dem mitgebrachtem Bier und dem entsprechendem Galgenhumor. Aus dem Gameboy des KiN wurden mit Leidenschaft Freifahrkarten der verschiedensten Streckenabschnitte der einzustellenden Strecke gelockt.

Inzwischen hatte der 772 413, auch als letzte Fahrt dekoriert, die etwas marode und als La ausgewiesene Auffahrt zur "Hauptstreckenquerung" geschafft, den 1995 im Zuge der Errichtung des neuen Brandenburger Elektronischen Stellwerks (ESTW) geschlossenen Betriebsbahnhofes Brandenburg Süd passiert, und rumpelte mit Streckenhöchstgeschwindigkeit von 50 km/h durch die Märkische Nacht. Teilweise starke Nebelfelder warfen sich dem Triebwagen entgegen. Er mischte sie durch und durchfuhr den aufgelassenen Haltepunkt Göttin ebenso, wie den zum Bedarfshalt degradierten Haltepunkt Reckahn mit seinem flachen streckentypischen Empfangsgebäude. Von der Trassenverschwenkung im Zuge des Autobahnbaus in den 30iger Jahren konnte man in der dunklen Nacht natürlich nichts sehen. Krahne, vom einst besetzten Kreuzungsbahnhof mitte der 90iger zum unbesetzten Bedarfshalt mutiert, wird ebenfalls ohne Halt mit vmax passiert, wie Golzow Nord, einem "heimeligen Haltepunkt" mitten im Wald mit arg ruiniertem Metallwartehäuschen. Eine schwarzumrandete weiße Dreieckstafel mit der Zahl 10 kündigt den im wahrsten Sinne des Wortes Knackpunkt der Strecke an: die kleine Temnitzbrücke.

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Der Nebel ist dicht. Das Führerbremsventil faucht. Die Eckentafel zeichnet sich aus dem Nebel ab. Wieder Bremsen lösen. Vorschriftsmäßig, fast wie aus einem Lehrbuch, rollt der LVT mit exakt 10 km/h ab der Eckentafel. Nur wenige Meter mißt die Brücke. Wieder das ferkeltaxentypische Knattern. Beschleunigung auf   vmax.

Eine Geisterhand scheint plötzlich den Nebel weggeschoben zu haben. Im Gegensatz zur Hintour ist der mit unzähligen Scheinwerfern ausgeleuchtete Bahnhof Golzow schon von weitem zu erkennen. Nein die Außerirdischen werden nicht eingreifen. Herr van Orloff und sein Fernsehteam filmt die Szenerie. An den Kameras kleben SWR-Aufkleber. Ein Tarnmanöver vom in Brandenburg sonst üblichen ORB? Ein "Reporter" mit Kamera und Scheinwerfer gesellt sich zu den Abschiedsfahrgästen. In einem LVT kann man von innen so einiges filmen, besonders wenn er wieder, nach einer kurzen La, mit vmax über die Strecke durch den Nebel jagt. Hemmungslos wird auch die immer wieder auftauchende "weiße Wand" vor der Scheibe des Triebfahrzeugführers gefilmt und dabei der Führerstand kräftig ausgeleuchtet. Doch draußen gibt es wenig zu sehen. Immer wieder Nebelschwaden und die neuen schwarzen Kilometertafeln. Ein Gedanke drängt sich in diesem Zusammenhang auf: Verabschiedet sich die DB jetzt immer von Ihren Strecken, indem sie die Kilometertafeln "verkehrt rum" mit der schwarzen Rückseite aufstellt? Oder ein Streich? Weder noch. Dem Bautrupp ist ein Fehler unterlaufen. An der falschen Stelle wurde mit der Kilometrierung begonnen. Die Lokführer bemerkten die Unstimmigkeit. Doch da war es schon zu spät. Alles wieder ändern? Es geht auch einfacher: Umdrehen und Fertig.

 

 

 

 

Dippmannsdorf, wieder mit den Städtebahntypischen flachem Empfangsgebäude un der ex- Bahnhof Lütte sind mittlerweile schon ohne Halt durcheilt. Fredersdorf heißt das Ziel des Kameramannes. Er kannte diese Zugangsstelle offensichtlich nicht. An einer im dunklen stehenden ramponierten Blechhütte im tiefen märkischen Wald, fernab jeder Ortschaft befindet sich der Bedarfshaltepunkt. Der Reporter ist mutig. Er steigt aus. Er wollte es ja so, es war mit den anderen Kollegen so abgemacht. Nur vom "Abholservice" war nichts zu sehen.

Die Fahrdienstleiterin von Golzow war ja auch eine nette Frau. Und sie konnte Geschichten über die Strecke erzählen. Zum einen wären da Drehaufnahmen für einen Film, der in den 80iger Jahren entstand. Zum Anderen war das auch die ungewöhnliche Signalanordnung im Bahnhof Golzow interessant. Sie zeugt von der Rationalisierung der letzten Jahre. Richtung Brandenburg gab es Lichteinfahr- und -ausfahrsignale, während Richtung Belzig, wie sonst auf der Städtebahn üblich, nur ein Flügeleinfahrsignal stand. Den Abfahrauftrag gab die Aufsicht durch das "Heben der Kelle". Diese Tatsache ließ sich wie folgt erklären: Mit dem Neubau des ESTW in Brandenburg wurden die besetzten Betriebsstellen Brandenburg Süd und Krahne geschlossen und teilweise rückgebaut. Damit oblag nun den Fahrdienstleiter in Golzow die "Kommunikation" mit dem ESTW. Die Ausfahrt mußte nun mit Signalen gesichert sein. Dabei stellte die DB Lichtsignale auf und tauschte das Flügeleinfahrsignal aus Richtung Brandenburg gleich mit aus. Auf der Belziger Seite änderte sich nichts.

Der Motor knattert wieder lauter. Der Schein der Kameralampe wird immer kleiner. Autoscheinwerfer gesellen sich vorerst nicht dazu .....

Golzow.jpg (966695 Byte)Die Strecke sollte ab 0.00 Uhr gesperrt werden. Sie kann jedoch erst mit einer Minute Verspätung vollzogen werden. Erst dann steht die "letzte Fuhre" am Städtebahnhofsteil in Belzig. Der LVT verläßt kurz darauf die Strecke um nach Seddin in den Heimatbetriebshof zu fahren. Die Brandenburgische Städtebahn ist wieder etwas kürzer.

Übrigens: der gleichen Pressemitteilung, in der DB Regio die Umstellung von Belzig-Brandenburg auf Schienenersatzverkehr verkündet hat, ist zu entnehmen, daß mit dem Fahrplanwechsel 2002 u.a. auch der Verkehr zwischen Rathenow und Neustadt/Dosse angebotsumgestellt werden soll.    .... wieder ein Stück der Städtebahn ....

 


Text und Fotos by Frank Bruchertseifer, 2001