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Die
Prototypen 173 001 und 173 002
Vorwort
- Die
Geschichte der Ferkeltaxen wäre nicht vollständig, wenn
wir nicht an die beiden vierachsigen Prototypen des
Waggonbau Bautzen erinnern würden. Diese Fahrzeuge
sollten das Einsatzgebiet der Ferkeltaxen ergänzen und
waren gleichzeitig eine Weiterentwicklung, die vor allem
durch die bessere Laufruhe und des Komfort sich
auszeichnete. Selbst die kurze Entwicklungszeit war
beachtlich und man bot 1963 eine Triebwagen Bauform an,
die in vielen anderen Bahnverwaltungen in den 70ern
hochmodern waren. Leider wurden die Vorzüge in der DDR
verkannt, bzw. war ein Triebwagenbeschaffungsprogramm
wahrscheinlich nicht finanzierbar. Hier nun in folgenden
eine Kurzvorstellung dieser beiden Prototypen, die noch
wenig bekannt sind. Über Hinweise, Bilder oder weiteres
material bin ich sehr Dankbar.

Leichtriebwagen BR 173 001 - Einsatz und Entwicklung
Nach
nur einjähriger Entwicklungszeit stellte der
Schienefahrzeugbau 1963 den Prototyp eines erstmals in
der DDR herzustellenden vierachsigen Triebwagens auf die
Schiene. Bereits im Frühjahr 1964 konnte dieser auf der
Messe in Leipzig besichtigt werden. Vorraussetzung für
diese kurze Entwicklungszeit war der damalige hohe
Standardisierungsgrad und den Einsatz bewährter
Baugruppen der Baureihe 172, auch Ferkeltaxe genannt.
Der neue Triebwagen sollte vorrangig die immer noch in
Betrieb befindlichen Vorkriegsfahrzeuge ablösen.
Aktionsradien von bis zu 1000km und eine
Maximalgeschwindigkeit von 120km/h sollten den Nah- und
Bezirksverkehr modernisieren. Angepasst zum
Verkehrsaufkommen sollten weitere neue Fahrzeuge
gleicher Bauart beschafft werden. Eine Vielfachsteuerung
machte auch eine Zugbildung im Verband möglich.

Der 173
001 sollte en Vorläufer für eine ganze Serie angepasster
VT werden, die im Städteschnellverkehr und im
Eilzugdienst untergeordneter Haupt - oder wichtiger
Nebenbahneneingesetzt werden sollten. Das Fahrzeug
sollte 120 km/ h erreichen und das mit einer
zweimotorigen Maschinenanlage von je 200 PS. Das
Drehmoment wird über eine Flüssigkeitskupplung auf das
Sechsgang - Elektro - Schaltgetriebe und von dort über
ein Achswendegetriebe, auf die Treibachse weitergeleitet.

Grundlegend besteht der Wagenkasten aus einer
Schweißkonstruktion und abgekanteten Blechen. Dach,
Seitenwände und Unterkonstruktion waren verwindungssteif
verbunden und an den Stirnenden leicht abgerundet. Für
die gleichbleibende Abfederung trotz unterschiedlicher
Besetzung sorgte ein Luftfederung unter dem Wagenkasten,
die Radsätze wurden mittels Schraubenfedern gedämpft.
Die Antriebsanlage gleichte in ihrem Grundkonzept der
von VT 172, nur wurde sie hier symmetrisch für jedes
Drehgestell mittels Gummilagerung unter dem Wagenboden
befestigt. Die Antriebsleistung von insgesamt 400PS und
das günstige Masse-Leistungs-Verhältnis ergaben ein
gutes Beschleunigungsvermögen und machten somit auch
einen Einsatz auf Hauptstrecken möglich. Der
Fahrgastraum entsprach dem Nahverkehrsstandart mit
Mitteleinstieg.

Nach
seiner Ausstellung auf der Messe wurde das Fahrzeug
intensiv erprobt und messtechnisch untersucht. Der
darauf folgende Betriebseinsatz bei der DR erfolgte im
Bereich Cottbus. Anfang 1971 wechselte das Fahrzeug zum
BW Hoyerswerda. Sehr häufig war er in Garnitur mit dem
173 002 unterwegs. Nach den überlieferten Fotos zu
urteilen muss dieser Triebwagen auch kurzzeitig die
weiß-blaue Lackierung seines Nachfolgers erhalten haben.
Ab 1975 (Ausmusterung) diente dieses Fahrzeug einem
Modelleisenbahnerclub in Hoyerswerda als Unterbringung.

Verbleib
Der VT
steht heute noch auf dem Gelände des ehm. Bw Hoyerswerda,
wo er bis vor wenigen Jahren noch 351019 als
Nachbarschaft hatte. Er steht auf einem abgetrennten
Gleisstück hinter dem Bw und ist von einer
Anwohnerstraße gut einsehbar. Gleich zum Anfang fällt
die durch Sonne und Witterung stark verblichene
Farbgebung auf. Die rote Farbe ist sehr verblasst und
die grauen Zierstreifen sind nur noch zu erahnen. Anders
als bei 173 002 ist hier Verglasung und Inneneinrichtung
vollständig vorhanden. Es sind deutlich die einfachen
Sitzeinheiten der 2.Klasse zu erkennen und auch die
Vorhänge zeigen die zu DDR-Zeiten gewohnte
Einheitsbräune. Da der Wagenkasten im Vergleich zu
seinem Nachfolger nicht so weit heruntergezogen bzw.
verkleidet ist, können auch gut die Teile der
Antriebsanlage eingesehen werden. Über Lage und Größe
der Beschriftung kann keine Aussage getroffen werden,
sie fehlt vollständig. An mehreren Stellen der Außenhaut
ist die fortschreitende Ausbreitung des Rostes zu
erkennen.
Es wäre
erfreulich, wenn sich ein Verein diesem Meilenstein der
DDR Triebwagengeschichte annehmen würde, denn auch dies
ist ein Stück Deutsche Geschichte.

Leichtriebwagen BR 173 002 - Einsatz und Entwicklung
Im
Frühjahr 1965 konnte dieses Fahrzeug auf der Messe in
Leipzig besichtigt werden. Der VT 173 002 ist der
zeitliche Nachfolger des 173 001. Die Formgestalter (heute
sagen wir Designer) veränderten das äußere
Erscheinungsbild im Frontbereich und an der Unterkante
der Seiten. Markant zu unterscheiden die geänderte
blendfreie Stirnfront und die hinzugekommenen Schürzen
ähnlich den Vorkriegsschürzenwagen. Hinzugekommen sind
auch an jeder Front zwei Führerstandstüren. Das Personal
musste zum Erreichen seines Arbeitsplatzes nicht den Weg
durch den Fahrgastraum benutzen. Im Innenbereich konnte
nun auch vom Reisekomfort der 1.Klasse Gebrauch gemacht
werden. Nicht zuletzt durch die überarbeitete ruhigere
Antriebsanlage gegenüber seinem Vorgänger. Allerdings
unverändert blieb diese in zweimotoriger Ausführung aus
Sechszylinder-Viertakt-Dieselmotoren mit je 220PS. Beide
Anlagen waren getrennt und konnten Bedarfsweise einzeln
oder gemeinsam betrieben werden.

Ausstattung
Der
Wagenkasten ist als eine selbstragende und
verwindungssteife Röhre aus Baustahl mit Hilfe
modernster Schweißverfahren ausgeführt. Alle durch
Eigengewicht und äußere Einflüsse wirkenden Kräfte
werden ohne bleibende Verformung aufgenommen. Das
Fahrzeug ist auf dem Prüfstand für sämtliche
Belastungsfälle erfolgreich getestet worden. Der
Standarttyp besitzt eine automatische
Mittelpufferkupplung, der Einbau einer Schraubenkupplung
und Puffer ist möglich.
Klappbare Seitenwandschürzen gestatten einen leichten
Zugang zu den Unterfluraggregaten. Zum Antrieb sind zwei
unabhängig arbeitende Maschinenanlagen Unterflur
angeordnet. Jeder Motor hat eine Leistung von 200PS bei
einer Umdrehung von 1300 U/min.

Mit
dieser Leistung ist eine Vmax von 125 km/h möglich,
welche für eine höhere Anfahrbeschleunigung auch auf 100
oder 80 km/ h reduziert werden kann. Im Bedarfsfall kann
auch mit einer Maschinenanlage gefahren werden.
Die für
den Betrieb notwendige elektr. Energie lieferten zwei
Gleichstromgeneratoren, welche im Parallelbetrieb
arbeiten. Mit der installierten Vielfachsteuerung können
mehrer Trieb oder auch ein Steuerwagen angesteuert
werden. Alle Führerstände verfügen über Warn- und
Meldeanlagen zur Kontrolle.

Bei
unzulässigen Betriebszustand der Maschinenanlage, wird
der Dieselmotor automatisch in den Leerlauf gebracht und
abgestellt.
Der
Fahrgastraum ist in 3 Abteile, zwei Einstiegsbereiche,
zwei Toiletten und in zwei Führerstände aufgeteilt.
Doppeldrehfalttüren und Pendeltüren im Fahrzeug
ermöglichen einen schnellen Fahrgastfluss. Schiebetüren
verbinden Fahrgasträume mit den Führerständen. Die
großen Seitenfenster sind Rahmenlos in das Kastengerippe
eingesetzt. Sie gewährleisten gute Licht- und
Sichtverhältnisse. In allen Abteilen sind oberhalb der
Fenster Gepäckträger angebracht. Der Innenraum wird
durch Leuchtstoffröhren ausgeleuchtet.
 
Die
Stirnwände der 1. Klasse haben edelholzfunierte
Oberflächen, alle übrigen Abteile geschmackvolle
pastellfarbige Dekorplatten. Der Fahrgastraum der 2.
Klasse ist mit bequemen schaumgummigepolsterten
Sitzbänken ausgestattet. Die Drehsitze der 1. Klasse
haben verstellbare Rückenlehnen, versehen mit
Zeitungshaltern und Klapptischen. Eine Garderobe,
Gardinen und Teppiche erhöhen den Fahrkomfort dieser
Klasse.
Panoramascheiben geben dem Fahrer eine gute
Streckensicht und er besitzt zwei Einstiegstüren.

Die
Probefahrten erfolgten auf den Strecken Bautzen - Bad
Schandau - Heidenau sowie Bad Schandau - Löbau - Bautzen
- Dresden. Durch den teilweisen Einsatz von nicht DR
typischen Einzelbaugruppen kam es zeitweise zu längeren
Stillständen beider Fahrzeuge. Anschließende Messfahrten
wurden in der VES-M Halle absolviert. Ab 1968 erfolgte
der Einsatz auf den Strecken der Reichsbahndirektionen
Dresden und Erfurt. Durch die wiederholten Nachdem die
vielen Kinderkrankheiten in Griff waren, wurde von der
Staatsregierung eine weitere Beschaffung aus
Kostengründen nicht zugestimmt. Sicherlich erkannte man
zu jener zeit nicht das Einsparpotential umfangreicher
VT einsätze. Andererseits hat es immer wieder Störungen
an den beiden Fahrzeugen gegeben, die von einigen Herren
der VES-M als Problem dargestellt wurden, dass die
Forschung und Entwicklung an diesem Fahrzeug schon im
Frühstudium zurückgeschraubt wurde. Damit hatten die
beiden VT gar keine Chance, Bahnfest zu werden.

Mit der
Einführung des EDV-Nummernschemas um 1970 erfolgte der
Einsatz unter der Betriebsnummer 173 002 und kam im Jahr
1972 zur Einsatzstelle Luckau. Gemeinsam mit einem
umgebauten VB 147 081 verkehrte er dort bis zum 11. Mai
1973 (oder 21. Mai 1976), wo ein Zusammenstoß mit einem
Omnibus eine Aufarbeitung im Waggonbau Bautzen notwendig
machte. Ein weiterer Einsatz erfolgte fast nur noch zu
Sonderfahrten.
Der
Waggonbau Bautzen widmete sich den zweiachsigen
Dieseltriebwagen zu und verfolgte diese eventuell
fortschrittliche Konstruktionslinie nicht weiter. Das
dies ein Fehler war, hat man in den 80er Jahren erkannt,
als aus dem Grundkonzept des neuen Görlitzer ORT ein
neuer 4achs. VT entstehen sollte, doch die Wendezeit
machte diese Projekte zunichte.
 
Was wurde
aus dem 173 002?
Nachdem
der 173 002 nicht mehr benötigt wurde, hat er als
Ferienheim im Raum Finsterwalde eine neue Heimat
gefunden. Leider hat sein Zustand arg gelitten und er
wurde in den 90ern nach Nossen überführt. Der VT befand
sich seitdem in einem desolaten aber nicht
aussichtslosen Zustand. Die Seitenwände samt Front
wurden von einer Art Rostschutzfarbe "bedeckt". Die von
den Bahnsteigen abgewandte Längsseite verzierte fast
vollständig Graffity. Der ehemals weiße Lack des Daches
stellte sich mit Hilfe des Rostes senkrecht auf.
Sämtliche Inneneinrichtung inklusive der Trennwände zu
den Toiletten im Mittelteil fehlten. Bestuhlung sowie
Gepäckhalterungen in den Fahrgasträumen konnten nur noch
erahnt werden. Letzte Erinnerung aus dem Bereich des
Triebwagenführers war ein lehnenloser Drehstuhl. Auch
die Scheiben und Klappfenster fehlten.
Trotzdem kann zusammenfassend geurteilt werden, dass es
einst ein imposantes Fahrzeug gewesen sein muss und mit
seiner äußeren Form durchaus den Ansprüchen an die
Moderne der damaligen Zeit anknüpfen konnte.
Interessant auch ein weiterer Fakt, dass hier folgende
Frage gänzlich geklärt werden konnte. Die wenigen Fotos
die es aus früheren Jahren gibt, zeigen die Front mit
drei Fenster und teilweise auch mit fünf Fenster. Wurde
er umgebaut? Antwort: Nein, er trägt seit seinem Unfall
11.05.1973 beide Varianten. Die Front mit den drei
Führerstandsfenstern befindet sich an dem Ende des
Wagens, wo sich auch das 1.Klasse Abteil befand.
Inzwischen befindet sich der VT in Dessau und wir hoffen,
hier kann dieses interessante Fahrzeug gerettet werden.

Die
Originalfront mit 3 Fenstern.

Die
Unfallfront mit 5 Fenstern - Danke auch an Karsten vs.
Eis3 |